Offener Brief der Iselersheimer Projektgruppe an alle Beteiligten

Nach jahrelangen Diskussionen, politischem Hin und Her, Gezänk und Geschrei scheint nun eine allen gerecht werdende Lösung in Form eines Schulneubaus gefunden. Ist dies für unsere Entscheidungsträger nur der kleinste gemeinsame Nenner oder aber tatsächlich die herausragende Lösung aller bestehenden Probleme? Es gibt in dieser Sache viele Meinungen und Vorstellungen, die alle ihre Berechtigung haben. Wir maßen uns daher nicht an, unsachlich und populistisch über diese Belange zu urteilen, wie es inzwischen Personen ungeniert im Interesse der eigenen Sache tun.

 

Jedem, der sich mit diesem Thema ernsthaft beschäftigt, gebührt unser Respekt und unsere Anerkennung. Wir, die Eltern und Kinder, die Lehrer und die Förderer der Iselersheimer Grundschule möchten daher deutlich zum Ausdruck bringen, dass jede Überlegung, unsere Kinder voranzubringen, begrüßt und unterstützt wird, auch ggf. ein Schulneubau.

 

Wir möchten mit diesem Brief unsere Einstellung und unsere Erwartungshaltung zum Ausdruck bringen und beziehen wie folgt Stellung:

 

§  Wir glauben, dass alle Grundschulstandorte ihre Berechtigung haben. An all diesen Standorten findet jetzt und auch in Zukunft sehr gute und hochwertige Schule statt.

 

§  Mit Kombiklassen haben wir uns aufgrund der sicheren Ein- bis Zweizügigkeit in Iselersheim nicht ausgiebig beschäftigt. Dass jahrgangsübergreifender Unterricht kein Rückschritt in die 50er Jahre ist, zeigen zahlreiche Schulen im gesamten Bundesgebiet, die – trotz ausreichender Schülerzahlen - jahrgangsübergreifenden Unterricht bewusst und erfolgreich praktizieren. Schleswig-Holstein hat diese Schuleingangsstufe, auch im Hinblick auf die Herabsetzung des Einschulungsalters, eingeführt.

 

§   Die Berechnungen, die permanent von verschiedenen Interessengruppen in Umlauf gebracht werden, entsprechen größtenteils nicht den Tatsachen. So wurde z.B. für die Sanierung der Iselersheimer Schule ein Betrag von 775.000 € genannt und sogar in einem Schulkonzept als Begründung für die Schließung der Schule angegeben. Seitdem geistert diese Zahl durch die Köpfe der Menschen. Wir haben nun durch Fachleute eine eigene Berechnung der Sanierungskosten durchführen lassen, die unter Berücksichtigung neuester energetischer Maßnahmen und einem Mensabau für über 60 Kinder Kosten von 480.000 € prognostizieren. Mittlerweile wissen wir, dass die Stadt bereits vor vier Jahren Sanierungskosten (ohne Mensa und bei geringeren energetischen Maßnahmen) von 350.000 € ermittelt hat. Die Berechnungen sind nahezu deckungsgleich! Dass in der Öffentlichkeit mit 775.000 € operiert wurde, lässt befürchten, dass mit anderen Zahlen und Berechnungen ebenfalls derart fahrlässig umgegangen wird. Alle unsere in diesem Brief genannten Berechnungen stellen wir gerne zur Verfügung.

 

§  Kooperationen mit Kindergärten, Förderschulen und anderen Institutionen sind unserer Meinung nach nicht mehr aus dem Schulalltag wegzudenken. Unsere Gesellschaft muss wieder miteinander lernen, einander verstehen und tolerieren. Dabei dürfen Intellekt, soziale Herkunft und Behinderungen keine Rolle spielen.

 

§  Ganztagsangebote werden von unserer Gesellschaft mehr und mehr gefordert und erwartet. Auch in unseren Dörfern wollen knapp die Hälfte aller Eltern von diesem Angebot Gebrauch machen. Ganztagsschulen, auch die offene Gestaltung, gelten schon heute als höherwertige Schulform und können auch von Eltern anderer Schuleinzugsbereiche ausgewählt werden. Diesem Elternwunsch muss zwingend entsprochen werden. Der Schule in Iselersheim liegen bereits heute diesbezügliche Anfragen aus der Kernstadt vor.

 

§  Kinder brauchen Vertrauen, Orientierung, Platz und Gestaltungsmöglichkeiten. Kleine Schulen und kleine Klassen bieten Kindern erfahrungsgemäß die besten Entwicklungsmöglichkeiten. Nachdem an unserer Schule noch vor einigen Jahren Container für die Unterbringung der Schüler notwendig waren, ist nun der Raum für Kunst und Musik, Computer, Sport und Umwelt vorhanden. Noch nie war die Perspektive unserer Grundschüler so vorteilhaft wie zurzeit.  Wir halten Klassengrößen bis 20 Kinder für ideal und Klassengrößen über 25 Kinder für nicht vertretbar. Als abschreckendes Beispiel sei hier das Gymnasium Bremervörde genannt, das aufgrund zweier mangelhaft vorbereiteter politischer Entscheidungen (Aufhebung der OS und Abitur nach Klasse 12) inzwischen sehr bedenkliche Rahmenbedingungen bietet.

 

§  Jedes Kind sollte einen sicheren und zeitlich begrenzten Schulweg haben. Dieses ist in manchen Stadtgebieten (inkl. der Dörfer) nicht gegeben. Viele Schüler müssen Schulwege von nahezu einer Stunde auf sich nehmen, um die weiterführenden Schulen zu erreichen. So beginnt der Schulalltag für Schüler aus Kornbeck oder Teilen Iselersheims um 6.55 Uhr und aus Spreckens um 7.05 Uhr an der örtlichen Bushaltestelle bei einem Schulbeginn  gegen 8.00 Uhr. Die tatsächliche direkte Entfernung zur jeweiligen Schule wäre teilweise in 10 Minuten zu absolvieren. Für Grundschulkinder wäre das eine einzigartige Zumutung.

 

§  Ein Schulneubau, der all unsere Bedenken zerstreut, der unseren Kindern und den Kindern der anderen betroffenen Schulen entsprechende Rahmenbedingungen bietet und nachweislich wirtschaftlich die beste Lösung darstellt, würde auch von uns akzeptiert werden.

 

Was wir erwarten und wünschen:

 

o Alle Beteiligten sollten sofort wieder sachlich miteinander umgehen und nur mit richtigen, wahren und nachvollziehbaren Aussagen und Zahlen operieren. Sie sollten Meinungen und Vorschläge anderer akzeptieren, hinterfragen und dabei kritikfähig bleiben. Unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse erfordern ggf. unterschiedliche Lösungen.

 

o Eine neue Schule muss zwingend vierzügig geplant werden, um Klassengrößen unter 25 Kindern zu ermöglichen und gleichzeitig Kooperationsmöglichkeiten zu bieten. Beides ist bei zwei dreizügigen Schulen kaum oder gar nicht mehr gegeben. Bei einer durchgehenden Dreizügigkeit in Engeo sind bereits heute keine weiteren Raummöglichkeiten mehr vorhanden. Räume für Musik-, Werk- oder AG-Unterricht müssen in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Alleine hierfür werden unseres Erachtens an einer neuen Schule vier weitere Räume in Klassengröße benötigt. Mehrfeldsporthalle, Sportplatz und ein sehr geräumiges Außengelände, das einer Ganztagsschule in vollem Umfang gerecht wird, sowie eine Mensa für den größten Teil der Schüler sind unverzichtbar. Eine maximale An- bzw. Abreisezeit von etwa 20 Minuten für jedes Kind muss sowohl bei regulärem Unterricht als auch bei Ganztagsbeschulung sichergestellt und garantiert sein. Betreuungszeiten vor und nach dem regulären Tagesablauf müssen für berufstätige Eltern sichergestellt werden.

 

o Die Entscheidungsträger sollten sehr genau abwägen, ob sie zu diesem Zeitpunkt und bei dem jetzigen Kenntnisstand überhaupt Entscheidungen treffen können. Wir erwarten, dass vor einer Entscheidung alle Fakten und Zahlen konsequent ermittelt und für jedermann nachvollziehbar dargelegt werden. Nachnutzungskonzepte müssen bereits vorhanden sein, Nachfolgekosten müssen exakt errechnet und potenzielle Käufer bereits durch Vorverträge gebunden sein. Ist das nicht im Vorhinein geregelt, kann eine nachhaltige Berechnung überhaupt nicht erfolgen. Dem Zufall wären Tür und Tor geöffnet. Als Beispiel würde der Abriss der Schule in Iselersheim nach ersten groben Berechnungen 100.000 € deutlich übersteigen. Alleine für den Abriss, die Entsorgung der Materialien und die Wiederherrichtung des Grundstückes fallen Kosten von ca. 75.000 € an. Die Umstellung der Heizung und anderer Ver- und Entsorgungskomponenten dürfte dann noch einmal eine beträchtliche Summe verschlingen, da die Sporthalle und das Feuerwehrgerätehaus  mit der Schule gekoppelt sind. Außerdem erwarten wir Verantwortungsbewusstsein hinsichtlich unserer Steuergelder, egal ob sie nun aus Bremervörde, Rotenburg oder Hannover kommen. Fehlplanungen und -handlungen muss genau die Personengruppe ausbaden, die es jetzt betrifft, unsere Kinder. Ebenso erwarten wir Offenheit und Ehrlichkeit den Bürgern gegenüber, was aus unserer Sicht durch eine geheime Abstimmung nicht gegeben wäre, sowie die Suche nach individuellen und innovativen Möglichkeiten und Lösungen, die jedem Standort gerecht werden. 

 

Um die von uns geschilderten Erwartungen zu erfüllen, benötigen wir keine neue Schule, da wir genau diese Möglichkeiten in Iselersheim vorfinden:

 

Ø      Unsere Kinder haben einen sicheren und entspannten Schulweg von max. 20 Minuten in fast ausschließlich von Grundschülern genutzten Bussen. Eine Fahrt von der Waldstraße nach Iselersheim dauert etwa 10 Minuten und endet direkt auf dem Schulgelände.

 

Ø      Den Schülern stehen 1385 m2 Nutzfläche und 12500 m2 Sport- und Freifläche zur jederzeitigen Nutzung zur Verfügung. Gemessen an der dreizügigen Grundschule Engeo mit einer Nutzfläche von 1243 m2, einem Pausengelände von ca. 2000 m2 und einem Sportgelände, das nur in Absprache mit den anderen Schulen des Schulzentrums genutzt werden kann, müssen wir befürchten, dass eine neue Schule nach den geringsten gesetzlichen Vorschriften dimensioniert wird.

 

Ø      Wir befürchten außerdem, dass die zurzeit für den Neubau genannten 5,2 Millionen €, die nach unserem Kenntnisstand keine Infrastruktur (z.B. Grundstück, Außenanlagen, Einrichtung) berücksichtigen, nicht ausreichen werden. Als Beispiel sei die mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnete vierzügige Wartburg-Schule in Münster genannt, die in der Bauzeit von 1996-99  bereits Kosten von 7,6 Millionen € erzeugte (DM-Beträge sind umgerechnet).

 

Ø      Des Weiteren benötigt die Iselersheimer Bevölkerung  ein Dorfgemeinschaftshaus, da fast alle örtlichen Veranstaltungen bisher in den Räumen und auf dem Gelände der Schule stattfinden. Damit wäre man lediglich den anderen Ortschaften gleichgestellt.

 

Ø      Aus unserer Sicht ist die Vernichtung von vorhandenem intaktem Schulraum zugunsten eines unzureichenden dreizügigen Neubaus unverantwortlich. Bei Kosten für diesen Neubau von deutlich mehr als 5,2 Millionen € werden zukünftige Generationen damit  dauerhaft belastet. Im Gegensatz dazu weisen wir noch einmal auf das Verhältnis von Sanierungskosten (480 T€) und Abrisskosten (mehr als 100 T€) für die Schule in Iselersheim hin.

 

Mit diesem Brief wollen wir alle aufrufen, verantwortlich mit diesem Thema und mit der Zukunft unserer Kinder umzugehen. Denkt bitte auch über unkonventionelle Lösungen nach, nicht alles, was man nicht kennt, ist schlecht und ungeeignet. Erfolgreiche Schule kann sich in vielen Variationen darstellen. Eine Schule kann man nicht wie eine Fabrik mit einer Fertigungsstraße betreiben. Unsere Kinder sind keine Einheitsmodelle. Auch der jüngste Vorschlag, alle Grundschulen zu schließen und eine neue sechszügige Schule an der Waldstraße zu bauen, muss sich an unseren oben genannten Kriterien messen lassen.

 

Wir werden uns, solange man unseren Kindern nicht die gleichen Möglichkeiten wie bisher lässt, vehement für unseren Standort mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln einsetzen.